Einleitung

Die politische Sommerpause neigt sich dem Ende und wir bewegen uns mit großen Schritten auf die zweite Halbzeit der 20. Legislaturperiode zu. Teamsport Deutschland die Interessengemeinschaft der fünf größten deutschen (Profi)Mannschaftssportverbände möchte diese Chance nutzen, um sowohl die Gesichter hinter dem Verbund als auch dessen Kernpositionen und themen vorzustellen. Wir freuen uns, mit Verbandspräsidenten und weiteren Spitzenfunktionären in Interviews aktuelle und tiefe Einblicke in den deutschen Mannschaftssport zu gewinnen. Wo können und müssen Basketball,
Eishockey, Fußball, Handball und Volleyball gemeinsam handeln und an einem politischen Strang ziehen und wo bedarf es der konkreten Unterstützung durch die Politik?
Zum Auftakt begrüßen wir Andreas Michelmann, Sprecher von Teamsport Deutschland sowie Präsident des Deutschen Handballbundes, mit dem wir über seine aktuelle sportpolitische Einordnung sowie die Förderung des deutschen FrauenTeamsports sprechen werden.

„Sportdeutschland in einer kritischen Lage“

Neben Ihrer Funktion als einer der fünf Verbandspräsidenten von Teamsport Deutschland kommt Ihnen noch eine ganz besondere Rolle zu. Erlauben Sie uns Ihnen als Sprecher des deutschen Mannschaftssports die Frage zu stellen: In welcher Lage befindet sich Sportdeutschland aktuell und wie bewerten sie die jüngsten Leistungen deutscher Teams bei internationalen Turnieren?
Sportdeutschland befindet sich aktuell in einer kritischen Lage. Auch deshalb ist es an der Zeit, dass sich gerade die Spitzenverbände deutlicher als in der Vergangenheit dazu äußern, dass nicht nur der Leistungssport, sondern die Leistung überhaupt in unserer Gesellschaft wieder eine größere Rolle spielen. Im Moment ist dies viel zu selten der Fall. Die Leistungen der Teamsportarten bei den internationalen Turnieren sind sehr unterschiedlich. Die Basketballer haben mit einer sehr guten Europameisterschaft im eigenen Land und der BronzeMedaille begeistert. Die Eishockeyspieler glänzten mit einem sehr guten Auftritt und der Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft in Finnland. Und wir haben in diesem Jahr einen sehr guten Auftritt unserer HandballNachwuchsmannschaften erlebt: Die U21 hat mit Gold bei der HeimWM einen Millionenpublikum mitgerissen, beim European Youth Olympic Festival der U17 gab es für die nächste Generation ebenfalls Gold, und die U17Mädchen haben ihre EM gerade mit Bronze beendet. Gleichzeitig mussten wir leider das überraschend frühe WMAusscheiden unserer Fußballerinnen und Fußballer hinnehmen. Wir haben also eine sehr gemischte und unterschiedliche Situation.
Was in diesem Zusammenhang auffällt: Alle Teamsportarten machen das, was wir versprochen haben, und kümmern sich in den nächsten fünf Jahren intensiver um den Frauensport. Dass dies Früchte trägt, sieht man auch an den aktuellen Platzierungen der Basketballerinnen und Eishockeyspielerinnen. Und ich hoffe, dass die Handballerinnen dies bei der WM Ende dieses Jahres in Dänemark, Norwegen und Schweden ebenfalls unter Beweis stellen werden.

„Äußerst konstuktiv und zielführend“

Wie empfinden Sie die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Teamsportarten und warum braucht Deutschland diese politische Allianz der Mannschaftssportverbände?
Der Schulterschluss von Teamsport Deutschland hat sich seiner Zeit aus der Leistungssportreform ergeben, die der DOSB und das Bundesinnenministerium damals gemeinsam verantwortet haben und wo gerade die Interessen der Mannschaftssportverbände drohten, nicht ihrer gesellschaftlichen Rolle entsprechend berücksichtigt zu werden. Seit der Gründung von Teamsport Deutschland arbeiten unsere fünf Verbände in variierenden Konstellationen zu unterschiedlichen Themen äußerst konstruktiv und
zielführend zusammen. So gelang es uns, zu entscheidenden Themen, wie beispielweise den Coronahilfen für den Profisport, oder generell dem Stellenwert des Mannschaftssports offensiv und aktiv Stellung zu beziehen. Damit haben wir sowohl innerhalb der Sportfamilie als auch in der Politik inzwischen einen guten Stand erreicht und werden besser gehört.
Grundsätzlich empfinden wir unsere politische Allianz als notwendig, weil die Mannschaftssportarten besondere Charakteristika mit sich bringen und die derzeitige Aufstellung des organisierten Sports eine eigene Interessenvertretung notwendig macht. Auch wenn die Mannschaftssportlerinnen und Mannschaftssportler beispielsweise bei Olympischen Spielen am Ende als Team „nur“ eine Medaille für den Spiegel gewinnen, so beweisen sie immer wieder, dass in jeder Olympiamannschaft und überhaupt auch messbar an den Einschaltquoten die Teamsportarten natürlich noch mal andere emotionale Wirkung und gesellschaftliche Durchdringung entfalten als es, bei allem Respekt, bei den Einzelsportarten der Fall ist. Um eben diesen Stellenwert der Mannschaftssportarten fortlaufend zu betonen, braucht es grundsätzlich die Interessenbündelung in Form von Teamsport Deutschland. Die Allianz der fünf Verbände erlaubt es beispielsweise, wichtige Handlungsbedarfe, wie die Förderung des deutschen FrauenTeamsports gebündelt und aus erster Hand an die Politik zu tragen. Aber wir sind auch auf anderen Feldern aktiv: Wir kämpfen beispielsweise um adäquate Rahmenbedingungen für Sportvereine im Bereich Gemeinnützigkeit und Ehrenamt, eine intakte Sportstätteninfrastruktur im Land bis hin zur Förderung des Leistungssportes und das ist nur eine kleine Auswahl unserer gemeinsamen Themen.
Die 20. Legislaturperiode bewegt sich ihrer Halbzeit entgegen. Wie bewerten Sie die ersten beiden Regierungsjahre der Bundesregierung aus Sicht der deutschen Mannschaftssportverbände?
Ich habe das Gefühl, dass die Leistungen und das Abschneiden unserer Sportnation im internationalen Wettbewerb nicht mehr den Stellenwert haben, der ihnen in der Vergangenheit zukam. Eine für uns sehr negative Entwicklung, die wir unter anderem im Rahmen der Politik wahrnehmen. Dabei müssten Politik, Sport und Gesellschaft, mehr denn je an einem Strang ziehen, damit Deutschland im internationalen sportlichen Wettbewerb erfolgreich sein kann. Nur so können wir die Grundlage dafür schaffen, dass unsere Sportlerinnen und Sportler die individuelle Leistung in ihrer Mannschaft aufs Feld bringen und ebenso gern wie erfolgreich für Deutschland antreten. In diesem Zusammenhang ist es natürlich wichtig, die Leistungssportreform auch im Sinne des Teamsports zu optimieren. Ich hoffe, dass wir hier zeitnah zu guten Ergebnissen kommen und den Spezifika der jeweiligen Sportarten gerecht werden. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite freue ich mich, dass sich Deutschland um Olympische Spiele bemüht und die politische und gesellschaftliche Unterstützung für eine Bewerbung ebenfalls wächst.

Kritisch: „Schrumpfen der Sportförderung“

Was ich aktuell sehr kritisch sehe, ist das voraussichtliche Schrumpfen der Sportförderung im Bundeshaushalt von 303 auf 276 Millionen Euro. Die Regierung hat sich durch ihren Koalitionsvertrag der Förderung des Sportes auf unterschiedlichen Ebenen verschrieben. Eine grundsätzlich sehr positive Herangehensweise. Mit Blick auf die Inflation wirkt die Reduzierung der Sportförderung jedoch besonders schwer und hemmt natürlich den anfänglichen Optimismus. Für die Sportverbände wird dies
unweigerlich bedeuten, dass auch in der Förderung des Spitzensports Schwerpunkte gesetzt werden müssen, die möglicherweise nicht allen gefallen werden. Eine Entwicklung, die auch mit Blick auf den fortwährenden Sanierungsstau deutscher Sportstätten Sorgen bereitet. Wenn wir als Sportnation Deutschland in Zukunft wieder eine große Rolle spielen und unsere Bevölkerung weiterhin für den Sport in all seinen Facetten begeistern wollen, dann müssen wir auch wieder stärker in unsere
Sportstätteninfrastruktur investieren. Die Bundesregierung muss erkennen, dass der Sport nicht nur ein Teilbereich des Bundeshaushaltes darstellt, sondern eine Plattform für die gesamte Gesellschaft, die ihn aktiv ausübt, sowie am Fernseher oder in Stadien begeistert verfolgt. Die Wertschätzung, die sich dem Koalitionsvertrag der Regierungskoalition noch entnehmen lässt, muss sich in adäquaten politischen Rahmenbedingungen und finanziellen Förderungen widerspiegeln.

„Konzentration der Kräfte“

Ein Kernthema, dem sich Teamsport Deutschland verschreibt, ist die Förderung des deutschen FrauenTeamsports. Wo sehen Sie hier ggf. mit Blick auf Ihren eigenen Verband die größten
Handlungsbedarfe, in denen ein Wandel erfolgen muss?
Wir haben erkannt, dass im Gegensatz zu den Männern, die, wie man bei EM und WM des Nachwuchses ablesen kann, erfolgreich in die Ausbildung der Talente investiert haben die Clubs der Handball Bundesliga Frauen bei weitem nicht die hierfür notwendige Finanzkraft besitzen. Umso wichtiger ist die Konzentration der Kräfte. Zum einen der besten Talente, zum anderen auch der Trainerinnen und Trainer. Eine Zentralisierung im Zuge von sogenannten Bundesstützpunkten halten wir hier für den richtigen Weg. Leider wird dieses notwendige Vorhaben im Rahmen der Bundesförderung bislang kaum berücksichtigt. Hier sehen wir eine ziemliche Diskrepanz zwischen der politischen Forderung und dem, was wir für unsere Sportarten real an Unterstützung erleben. Ein Weg kann sicherlich die Flexibilisierung von Fördermitteln sein.
Was muss jetzt konkret geschehen, um die Förderung des FrauenTeamsports nachhaltig voranzutreiben und welche Rolle nehmen Sie mit Teamsport Deutschland dabei ein?
Wir brauchen nicht weniger, sondern zumindest was unsere Sportarten anbelangt mehr Bundesstützpunkte, um tatsächlich in die Weltspitze vorstoßen zu können. Zudem bedarf es parallel dazu Investitionen in verbesserte Trainerausbildung, die eine unverzichtbare Grundlage zur langfristigen Leistungssteigerung sowie Mitgliedergewinnung ist. Andererseits sollten wir auch mal von der Legende wegkommen, dass eine breite Masse auch automatisch eine sehr gute Spitze produziert. Da liefern im Handball Island und selbst Färöer oder im Fußball Kolumbien andere Beispiele. Das heißt: Wir müssen sehen, dass wir auf der einen Seite
natürlich die Breite in unseren Sportarten erhalten. Das ist auch einfach eine Frage der gesellschaftlichen Aufgabe sowie Akzeptanz unserer Sportarten. Und auf der anderen Seite brauchen wir eine ganz andere Herangehensweise, wenn es tatsächlich um die Entwicklung von Spitzensportlerinnen und Spitzensportlern anbelangt, die in der Weltspitze mithalten sollen.

Frauen-Teamsportkonferenz

Für die Mannschaftssportverbände besteht grundsätzlich die größte Herausforderung darin, in den immer enger werdenden Verteilungsspielräumen auch die Mittel zu bekommen, die der Leistungssport braucht. Es gilt nach wie vor das Prinzip Energy inEnergy out und mir ist kein Fall bekannt, wo jemand mit weniger Geld, mit weniger Zuschuss erfolgreicher ist als vorher. Teamsport Deutschland steht dabei jederzeit für einen Austausch mit den politischen Entscheidungsträgern und zur Bereitstellung von weiterer Expertise zur Verfügung. Genau dafür werden wir auch eine FrauenTeamsportkonferenz in Berlin durchführen und unseren nächsten Parlamentarischen Abend im Oktober diesem Thema widmen.
Vielen Dank für diese sportpolitische Einordnung. Zum Abschluss würden wir gerne wissen, auf welche der kommenden mannschaftssportlichen Events, die bereits jetzt ihre Schatten vorauswerfen, Sie sich aktuell am meisten freuen!
Wir freuen uns bereits sehr über die Vielzahl an Sportgroßveranstaltungen, die schon jetzt ihre Schatten vorauswerfen!  Insbesondere natürlich auf die Turniere, die in Deutschland stattfinden werden, wie die Europameisterschaften der Handballer und Fußballer in 2024, die Weltmeisterschaft der Handballerinnen 2025 in gemeinsamer Austragung mit den Niederlanden, die BasketballWeltmeisterschaft der Frauen 2026 sowie 2027 die MännerWeltmeisterschaften im Eishockey und Handball. Zusammenfassend, freue ich mich sehr, dass wir, so wie wir es immer versprochen haben, große Turniere sowohl der Männer als auch der Frauen in Deutschland aneinanderreihen, immer verbunden mit dem großen Ziel, wieder Olympische Spiele in Deutschland zu erleben. In dieser Hinsicht haben die Teamsportarten ihre freiwillige Verpflichtung gegenüber der Politik mehr als erfüllt.