Dirk Bauermann: “Ich will sehen, dass es um die Spieler geht.”10. Mai 2010

Interview mit dem Herren-Bundestrainer vor dem NBBL/JBBL TOP4 in Bamberg

Am 15./16. Mai findet in Bamberg (JAKO Arena) das NBBL/JBBL TOP4 statt. Im Vorfeld nahm sich Bundestrainer Dirk Bauermann Zeit, um über die Entwicklung im Jugendbereich, die U19- und U16-Endrunde, aber auch die verbesserten Rahmenbedingungen für junge Basketballer in Deutschland zu sprechen.

Seit dem letzten NBBL TOP4 ist viel Zeit vergangen, es gab eine EM 2009 mit den Auftritten eines Elias Harris und Robin Benzing, aber auch unlängst im April ein tolles Albert Schweitzer Turnier mit starken Leistungen der U17- und U18-Nationalmannschaft. Was hat sich in Ihren Augen darüber hinaus im deutschen Basketball innerhalb des letzten Jahres insgesamt getan?

Die Entwicklung geht ganz klar eher nach oben, denn nach unten. Sowohl die tatsächlichen, als auch die wahrgenommenen Spielanteile der Deutschen in der Beko BBL sind gestiegen. Es gibt mittlerweile nicht mehr einige wenige, sondern viele Vereine, bei denen sie eine prominente Rolle spielen, sie sind Aushängeschilder und Sympathieträger. Das sind ein Robin (Benzing) und Per (Günther) in Ulm, ist ein Tibor (Pleiß) in Bamberg, ist ein Philipp (Schwethelm) in Bremerhaven, das sind Yassin (Idbihi) und Heiko (Schaffartzik) in Braunschweig, aber das ist sicher auch ein Alexander Seggelke bei den Artland Dragons. Es sind also nicht immer nur die Nationalspieler, sondern auch die etablierteren Spieler, die an vielen Orten eine gute Rolle spielen. Was diese Entwicklung angeht können wir durchaus zufrieden sein.
Wenn ich mir die Sichtungen anschaue, das Bundesjugendlager – das wir im Herbst sowie im Frühjahr abhalten und damit gleich zwei Jahrgänge in wenigen Monaten zu Gesicht bekommen – oder auch die 13-Jährigen bei der Initiative der ING-DiBa „Talente mit Perspektive“, lässt sich festhalten: Es sind mehr, und es sind mehr Gute! Sowohl in der Breite, als auch in der Spitze sind wir besser aufgestellt. Es ist nicht mehr ein Super-Jahrgang und dann kommen drei Jahrgänge, bei denen man sich mit Grausen abwendet. Bei den 13-Jährigen beispielsweise hatten wir zuletzt aus 48 Spielern 36 dabei, von denen man ohne Bedenken jeden hätte mitnehmen können, ohne einen Fehler zu machen. Das ist sehr erfreulich zu sehen. Und es ist schön, dass die Landesverbands-Trainer sich näher an den (DBB-)Leitplanken orientieren. Dass Spielerentwicklung wirklich als Schwerpunkt der Jugendtrainer angesehen wird. Dass Spielerentwicklung nicht auf dem Altar des “Bundesjugendlager gewinnen müssens” geopfert wird.
Das alles hat sich wirklich so geändert und entwickelt, wie ich mir das erhofft habe. Das sind sehr positive Zeichen. Natürlich ist es dann auch schön zu sehen, wenn wir ein erfolgreiches Albert Schweitzer Turnier spielen, wenn alle drei Jugendnationalmannschaften in der A-Gruppe gehalten werden – was eigentlich zunächst einmal traurig ist, dass das lange nicht so gelaufen ist. Es sind also viele Indikatoren dafür, dass wir auf einem guten Weg sind, besonders, wenn man betrachtet, wie stark der Basketball in Europa ist. Und in diesem Gesamtkonstrukt spielen NBBL und JBBL für uns eine ganz wichtige Rolle.

Was trägt schwerer: Die frühe Sichtung, oder frühe Förderung?

Es sind in der Kombination zwei wichtige Dinge. Erstens ist wieder mehr Motivation im System insgesamt. Als junger Spieler habe ich ein relativ naheliegendes Ziel, nämlich JBBL oder NBBL zu spielen. Das ist etwas ganz anderes, als wir es vorher hatten. Ich kann jetzt schon als 15-Jähriger in einer deutschlandweit aufgestellten Liga spielen. Es gibt eine Internetseite, wo Ergebnisse und Mannschaften einsehbar sind, es hat für die Spieler und die Öffentlichkeit eine andere Wertigkeit.
Zweitens sehen die jungen Spieler, aber auch die Trainer und ausbildenden Vereine, dass sich die Türe, um in den Profibereich zu kommen, viel weiter geöffnet hat. Es sind nicht nur einige wenige, die das schaffen, sondern es werden von Jahr zu Jahr wirklich immer mehr. Das hat einfach damit zu tun, dass sich die Regeln verändert haben. Zusammen mit dem Schritt der früheren Sichtung und der früheren Förderung durch bessere Trainer, der verbesserten Trainingssituation in jüngeren Jahren, der ein Jahr früheren Förderung durch den DBB und dem früheren Wettbewerb gegen gleich alte und gleich gute Spieler, führt das dazu, dass sie früher gefordert sind und eher wissen, wo sie stehen und woran sie arbeiten müssen. Insgesamt ist das eine sehr positive Verkettung.

Wie sehr hilft es in der Kommunikation dabei, dass sich mit Elias Harris (ehemals NBBL/ProB bei den BIS Baskets Speyer, jetzt Gonzaga University) und Robin Benzing (ehemals NBBL/ProA mit dem TV Langen, jetzt ratiopharm Ulm) zwei junge Akteure aus für den jeweiligen Verein sportlich schwierigen Situationen zu Nationalspielern entwickelt haben?

Es hilft ungemein, das steht außer Frage. Die Jungs müssen laufen gelassen werden, wenn sie individuell reifen sollen.

Wie schwer ist es, die spielerische Entwicklung, aber auch den mannschaftlich wertvollen Erfolg – Stichwort: Meisterschaft – unter einen Hut zu bringen?

Das ist sicher kein leichter Spagat. Meine größte Sorge – obwohl ich dafür gekämpft habe – bei der Einführung der JBBL war, dass die Trainer ihren Ehrgeiz nicht zügeln, und anstatt ihre Spieler auszubilden und einfach spielen zu lassen viel Zeit auf Taktik und Verteidigungsvarianten verwenden, um darüber Spiele zu gewinnen. Das ist in dem Alter falsch. In dem Alter ist es wichtig, Spieler zu entwickeln und ihnen beizubringen, wie man das Spiel spielt. Man muss sie in den Grundlagen der Verteidigung, der Mann-Mann-Verteidigung, gut ausbilden. In der Euroleague spielen alle Mannschaften außer Maccabi Tel Aviv zu jeder Zeit hundert Prozent Manndeckung. Sowohl unter dem Gesichtspunkt der Ausbildung der Spieler, als auch unter Berücksichtigung dessen, was später in der Spitze gefragt ist, wäre alles andere in großen Teilen vertane Zeit.

Ich habe auch jetzt in der NBBL gesehen, dass viele Mannschaften eine Zonenpresse spielen. Was soll das? Es ist natürlich ein taktisches Mittel, und es ist legitim es zu benutzen, aber wenn ich sowas spiele, muss ich auch daran arbeiten. Muss ich daran arbeiten, eine solche Verteidigung entsprechend zu attackieren. So entwickeln sich keine Werfer, entwickelt sich kein Entscheidungsverhalten im Spiel Mann gegen Mann. Das war wirklich meine größte Sorge, dass die Trainer diesen Entwicklungsaspekt vernachlässigen und daraus eine Mini-BBL machen, in der es nur darum geht zu gewinnen.

Lässt sich auf darauf von außen Einfluss nehmen?

Man kann die Regeln so setzen, dass beispielsweise Zonenpressen verboten sind, dass Ball-Raum-Deckungen verboten sind, dass Doppeln verboten ist – das kann man sicherlich machen. Und das Zweite ist natürlich, auf einer Überzeugungsebene zu arbeiten. Bei der ersten Variante muss man erst einmal abwarten, was die Trainer machen und das kritisch beobachten beziehungsweise analysieren. Und eventuell regelnd eingreifen, auch wenn die Sichtweisen einiger Trainer, die nur in die Playoffs und über den Erfolg bessere Spieler für ihr Programm gewinnen wollen, eine andere ist. Man kann diese Sichtweise durchaus verstehen, im größeren Zusammenhang muss man jedoch sagen: Das bringt uns nicht weiter!

Mit dem Albert Schweitzer Turnier als Referenz gibt es in den Jahrgängen 1992 und 1993 mittlerweile eine ganze Reihe großer Spieler, welche die Nationalkader im internationalen Vergleich stark machen. Eine positionsbezogene, positive Entwicklung gegenüber der Vergangenheit, wo im Brettnähe personeller Notstand herrschte.

Große Spieler zu haben ist immer erfreulich, nur mit Kleinen geht es nicht. Man muss natürlich auch sagen, dass die Tiefe des U17-Kaders ein wenig davon abhängt, ob die Einbürgerung von Bogdan Radosavljevic gelingt. Aber er ist natürlich nicht der einzige Innenspieler, den wir in den beiden Jahrgängen haben. Was mich aber viel mehr freut, ist, dass wir bei den jungen Jahrgängen unheimlich viele gute Aufbauspieler haben. Bei „Talente mit Perspektive“ haben wir viel mehr Jungs, die ein sehr gutes Spielverständnis haben, die Pick-and-Roll richtig angehen und gut lesen können. Das zeigt nochmal, dass wir besser ausbilden und das Entscheidungsverhalten der Spieler zu einem früheren Zeitpunkt weiter entwickelt ist. Und wir haben beispielsweise mit Paul Zipser (USC Heidelberg) einen Aufbauspieler, der um die zwei Meter misst. Große Spieler haben wir eigentlich immer gehabt. Nun ist es so, dass nach einer Delle wieder welche nachkommen. Aber bei den Kleinen hat es doch immer ein wenig gehapert. Und da sehe ich viele wirklich Talentierte, nicht nur in der Spitze, sondern auch darunter, wo aber immer noch die zweite Liga als Ziel drin ist. Es gibt nicht nur den einen Leuchtturm, sondern viele Gute.

Wie gut ist in dem Zusammenhang, dass die ProB im Sommer in zwei Gruppen á zwölf Mannschaften geteilt wird?

Das wird das Niveau nicht sonderlich verwässern. Aber es ist ganz wichtig, dass wir auf diesem Level weiter ausbilden und entwickeln können. Dass wir Spielzeit anbieten können. Gerade was die Entwicklung junger Spieler angeht, gerade unter Berücksichtigung von Doppellizenzen und Fahrtzeiten, genau der richtige Schritt.
Das ist, womit wir wieder bei der Tür zum Profibereich sind, ein nicht zu vernachlässigender Punkt: In der ProB und ProA müssen immer drei, beziehungsweise zwei Deutsche auf dem Feld stehen. Das Argument innerhalb der 2. Liga war ja in der Mehrheit, dass dadurch die deutschen Spieler teurer werden. Der Punkt ist aber der, dass, wenn man diesen Markt nicht entwickelt, es also keine Konkurrenz um diese Spieler gibt, und damit die Notwendigkeit sie angemessen zu bezahlen, dann macht niemand diesen Schritt. Diese Art von Motivation braucht das System, denn ich muss als Spieler zumindest wissen, dass ich mir damit mein Studium finanzieren kann. Oder, wenn ich besser bin und mir mit 16 den Arsch aufreiße, wobei die Verbindung von Schule und sportlicher Ausbildung verdammt schwer ist, muss ich wissen, dass ich dadurch später die Möglichkeit habe Berufsbasketballer zu werden. Und das ist so furchtbar wichtig, deswegen brauchen wir diesen Markt, und deshalb brauchen wir die Konkurrenz der Vereine um die guten Spieler. Das ist notwenig, und dann dürfen die Spieler eben auch etwas kosten.

Thema: NBBL-Playoffs. Wie genau hat der Bundestrainer sie verfolgt?

Ich habe das beobachtet, und die größte Überraschung war sicherlich, dass und wie sich Nürnberg gegen Breitengüßbach durchgesetzt hat. Gemessen an der Stärke Güßbachs muss man anerkennen: Das haben die Franken Hexer gut hinbekommen.

Welche Erwartungen haben sie an das TOP4 in Bamberg?

Ich möchte gut ausgebildete Spieler sehen, die das Spiel verstanden haben, die mannschaftsdienlich spielen, die intensiv spielen und mit einer guten Einstellung sowie mit einem guten Auftreten überzeugen. Das will ich sehen. Das sind für mich die wichtigsten Aspekte, nicht, wer das Turnier gewinnt. Andersherum kann man sagen: Ich will kein Egogezocke sehen, will nicht sehen, dass es taktisch zu kompliziert wird. Ich will sehen, dass es um die Spieler geht. Wenn Qualität sichtbar wird, dann bin ich zufrieden.

Ist das – die Qualität des Spiels – etwas, was in den letzten Jahren besser geworden ist?

Unbedingt. Ich fand, dass die U17 beim Albert Schweitzer Turnier besser als jede andere unserer U-Mannschaften die Vorgaben und die Spielkultur und all diese Dinge in Angriff und Verteidigung richtig umgesetzt hat. Das Team hat besser Basketball gespielt als fast jede andere Mannschaft in Mannheim. Klar waren sie ein bisschen jünger, aber die haben richtig guten Basketball gespielt, den Ball gut bewegt, gute Entscheidungen getroffen, haben hart verteidigt. Das war vorbildlich, muss man wirklich sagen. Und wenn man den Beko BBL ALLSTAR DAY betrachtet, dann war das NBBL-Spiel für einen Basketballer wenigstens genauso ansehnlich wie das der Profis, weil einfach weniger gezockt, dafür mehr Basketball gespielt wurde. Insgesamt sehe ich aber auch in der Beko BBL, dass nicht nur das Feld hoch- und runtergerannt wird, sondern mannschaftlicher gespielt wird. Das Bemühen ist da, „europäischer“ zu spielen.

Zu U20-Zeiten haben die hoffnungsvollen Jahrgänge 1988/89 im europäischen Vergleich enttäuscht. Haben die durch das Albert Schweitzer Turnier bereits dekorierten ’92/’93er mehr Perspektive?

Man muss sagen, dass die Mannschaft damals hochveranlagt war. Aus diesem Kreis stehen nicht umsonst im kommenden Sommer möglicherweise zwei in der ersten Fünf der Nationalmannschaft. Man muss sich freuen und zunächst einmal anerkennen, dass wir die Serben (77:79) eigentlich schon geschlagen hatten, dass wir die Kroaten (86:91 n.V.) fast geschlagen hatten – unglücklicher als diese Spiele kann man eigentlich nicht verlieren. Dass eine Mannschaft, die das Zeug für eine Platzierung unter den ersten Vier hat, plötzlich gegen den Abstieg spielt, daran hatten die Jungs natürlich eine zeitlang zu knabbern. Henrik (Rödl) hat damals wirklich einen super Job gemacht, und etwas mehr Glück hätte man dem Team wirklich wünschen können. Gegen Nationen wie Serbien und Kroatien sind deutsche Mannschaften vor fünf Jahren aufs Feld gegangen, um nicht mit 30, sondern nur mit 25 Punkten zu verlieren. Ich würde sagen, dass wir uns glücklich schätzen können, wenn aus diesen Jahrgängen vielleicht zwei, drei, oder vier zu Nationalspielern werden – und wir haben ja nur zwölf Plätze. Das war schon ein guter Jahrgang, und ich glaube nicht, dass unsere Erwartungen damals überhöht waren. Wenn die jetzigen U-Mannschaften genauso talentiert sind, aber etwas besser abschneiden, dann können wir sehr zufrieden sein.

(Interview: Jörg Bähren)

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