Der etwas andere EM-Rückblick30. September 2005

Das „Trotzdem“ der Größe – Von Lamine Kabrane

Eine bewegende Basketball-Europameisterschaft gehört nunmehr der Vergangenheit an. Allein die deutsche Nationalmannschaft hatte sich sechs Wochen vor Beginn des Turniers zusammen gefunden, um mit dem Trainingslager auf Mallorca die harte und akribische Zeit der Vorbereitung zu beginnen. Nicht unwichtig, denn schon hier wurde zweifelsohne der Grundstein für das später für viele so überraschende Abschneiden bei der Finalrunde in Serbien und Montenegro gelegt, und es kann als eine hohe Kunst angesehen werden, dass das deutsche Trainergespann es geschafft hat, die Leistung seiner Schützlinge auf den  wesentlichen Zeitpunkt hin auszurichten.

“Die EM ist ein Überraschungsei“, titelte treffend der zu neuen Höhenflügen aufgebrochene DSF-Kommentator, Frank Buschmann, in seiner Sport1-Kolumne. Auch er trug zweifelsohne seinen Teil zum EM-Happening bei, indem er auf unvergleichliche Art und Weise journalistische Investigation, basketballerischen Sachverstand und vor allem viel Leidenschaft für diesen Sport miteinander vereinte und diese sodann auch noch auf so delikate Art dem Zuschauer zu servieren vermochte. Selten zuvor hat man sich vor dem Fernseher so nahe an einer Mannschaft gefühlt, dabei Erkenntnisse über Gegner und Spiel gewonnen und auch noch jene fantasievollen Metaphern genießen dürfen, die ein Basketballspiel, gerade in kritischen Situationen, wenn das berüchtigte „Moment“ umspringt, so fühlbar machen.

Jedem, der zumindest halbwegs aufmerksam den Turnierverlauf verfolgt hat, dürfte die Allegorie vom besagten „EM-Überraschungsei“ nicht all zu fremd erscheinen. Denn letztendlich sprang übermäßig viel „Spannendes“ heraus – oft gar bis zur Unerträglichkeit. Man erinnere sich der zahlreichen Spiele, die erst in den letzten Sekunden entschieden wurden, und bekanntlich geizte ja auch die deutsche Mannschaft nicht mit Krimi-Basketball. Dass es „was zu Spielen“ gab, liegt natürlich in der Natur der Sache, doch auch wenn die Verteidigung bei diesem Turnier wahrscheinlich so dominant war wie noch nie bei einer Europameisterschaft und das spielerische Niveau so manches Mal darunter zu leiden hatte – letztendlich belegten die besten drei Defensivteams auch die ersten drei Plätze –, so war die Qualität der Spieler so hoch wie nie zuvor. Allein, dass rundweg alle Mannschaften bei dieser Endrunde auf einem erbarmungslos hohem Level verteidigten, verdeckt womöglich das große spielerische Potential zahlloser EM-Teilnehmer. Zwar barg jenes „Überraschungsei“ im Inneren letztendlich keine „Schokolade“, aber dafür durfte die deutsche Mannschaft einen äußerst süß schmeckenden Erfolg genießen, dessen Erinnerung für jeden der Beteiligten eine einzigartige Kostbarkeit in seinem Leben darstellen wird.

“Uns muss man erst einmal schlagen“, sagte Denis Wucherer in einem Interview zu Beginn der Vorbereitungsphase und formulierte damit äußerst passend den Status des deutschen Teams. Er hat Recht behalten, denn es gelang bekanntlich nicht vielen Mannschaften, ihr Spiel den deutschen Korbjägern aufzudrängen. Der Satz des Denis Wucherer dürfte nunmehr allen Trainern dieser EM unter den Fingernägeln brennen, denn die teilweise hohen Favoriten aus Russland, der Türkei, Slowenien und Spanien verloren die Spiele gegen die deutsche Mannschaft, weil diese vor allem ihre Nachlässigkeiten rücksichtslos zu bestrafen wusste, weil allen voran Dirk Bauermann seine Spieler immer wieder ermutigte, auch bei hohem Rückstand nicht aufzuhören an sich zu glauben und jede Spielminute für den Erfolg hart zu arbeiten. Ein Beispiel dafür sind die zahlreichen Dreipunktetreffer jeweils kurz vor der Halbzeit, als die gegnerischen Mannschaften sich ihres Vorsprungs zu sicher schienen, das DBB-Team hingegen – trotz schwacher Trefferquoten – es, in einer fast schon beängstigend konsequenten Beharrlichkeit, immer weiter versuchte, sich gegen Rückstand und die eigenen Defizite zur Wehr setzte und letztendlich für seinen Mut und vor allem auch für seine Geduld belohnt wurde.

Auch wenn ein gewisses Talent besonders stark zu glänzen scheint, so muss man die Gründe für den Erfolg des DBB-Teams im Detail suchen. Dass ein jeder Spieler sich als notwendiger und unersetzlicher Teil des Ganzen gesehen hat, zeigen besonders deutlich die Leistungen der sog. Rollenspieler Robert Maras, Stephen Arigbabu, Sven Schultze, Robert Garrett und Misan Nikagbatse, die nicht auffällig über das ganze Turnier hinweg, sondern punktuell ihre Leistungen abrufen konnten und das, obwohl mit wenig Einsatzzeit gesegnet, es umso schwerer ist, sich in ein Spiel hineinzufinden. Dabei vermochten sie es nicht nur die Stammspieler zu entlasten, sondern selbst unersetzliche Impulse für den Erfolg setzten. Und auch wenn die erfahrenen Spieler Denis Wucherer und Marko Pesic nicht zur Höchstform aufliefen, so dürfte ohne diese beiden das Halbfinale gegen Spanien mit Sicherheit verloren worden sein.

An einem Spieler wie Demond Greene ist die Bauermann´sche Spielphilosophie besonders gut zu studieren. Obwohl der gelernte Offense Guard eher selten sein außergewöhnliches Angriffspotential abrufen konnte, steckte er niemals auf oder haderte etwa mit sich, sondern entwickelte eine unbeschreibliche Aggressivität in der Verteidigung, mit der er auch in Zukunft bei Alba Berlin so manchem Gegner das Fürchten lehren wird. Ähnlich Patrick Femerling, der „wundersam Geheilte“, der ein ums andere Mal den Fels in der wütenden Centerbrandung der Gegner gab und durch den die deutsche Mannschaft unterm Korb die notwendige Sicherheit zurück bekam. Nicht zu vergessen die beiden Spielmacher des deutschen Teams. Viele Befürchtungen hatte man vor dem Turnier ob der physischen Mängel auf dieser Position, doch Mithat Demirel und Pascal Roller kreierten ihr eigenes Spiel und ließen vor allem keinen offen Wurf unversenkt. Unvergessen wird das Spiel gegen Slowenien sein, indem beide ihr Team mit entscheidenden Dreipunktewürfen ins Halbfinale schossen. Spätestens seit diesem Spiel sind auch die deutschen Spielmacher auf internationalem Topniveau angekommen.

Natürlich wird man sich ebenfalls dieser unbegreiflichen Taten eines Herrn Nowitzki erinnern, die vollkommen jeglicher Beschreibung entbehren. Man müsste eine Poesie des Basketballs erfinden, um auch nur annähernd die Größe jener entscheidenden, eigentlich jenseits des für möglich gehaltenen Würfe zu beschreiben. Ja, es war der Ereignishorizont des Unmöglichen, die der gebürtige Würzburger manchmal zu berühren schien. In solchen Momenten konnte man den ansonsten so engagiert an der Seitenlinie arbeitenden Bundestrainer dabei beobachten, wie er gebannt den Taten jenes 27jährigen Wunderkindes zusah, die Hände in die Seiten gelegt einfach da stand und den Kopf schüttelte, als würde er damit sagen wollen: „Seht mich nicht an. Ich habe mit diesem Zauber nichts zu tun.“

Trotzdem darf Dirk Bauermann als der Vater dieses Erfolges gefeiert werden. Er hat geschafft, was viele seiner Trainerkollegen bei dieser Europameisterschaft nicht vermochten. Er schien zu wissen, wo die Krux des Erfolges versteckt liegt – und es war nicht unbedingt das offensichtlichste aller Rädchen, an denen man als Trainer so gerne herumdreht, um sein Team auf Sieg auszurichten. Dabei ist es ihm gelungen, den oftmals so eigenen Profisportlern klarzumachen, dass es notwendig ist, für den Erfolg Opfer zu bringen und vor allem, dass man ein großes Ego an der Schwelle zur Tür des Erfolges liegen lassen muss. Und so ist die deutsche Mannschaft bis ins Finale vorgedrungen, ohne eine überwältigende Feldquote vorweisen zu können, ohne die Bretter kontrolliert zu haben und auch ohne die eigenen Ballverluste adäquat in den Griff zu bekommen (15,3 Turnovers pro Partie). Einzig an der Quote von der Freiwurflinie (1. Patz mit 77,9%) zeigt sich die hohe Konzentrationsfähigkeit, die sicherlich auch ein Produkt von Bauermanns Arbeit ist.

Was bleibt nach dieser außergewöhnlichen Europameisterschaft? Es bleibt die Gewissheit, dass, wie bei beinahe allem Großen, was dasteht, auch die Größe dieser deutschen Mannschaft aus einem „Trotzdem“ heraus geboren wurde. Denn trotz der Ausfälle von unersetzlich geglaubter Leistungsträger, trotz der mäßigen Ergebnisse in der Vorbereitung und letztendlich auch trotz des vermeintlich mangelnden Talents, das dem Team von Dirk Bauermann vor der EM von so vielen Fachleuten attestiert wurde, ist etwas Großes entstanden. Bekanntlich ist ja die Hemmung des Willens bester Freund und so hat es das deutsche Team genau in diesem Sinne geschafft, sich über Hindernisse und die eigenen Defizite hinwegzusetzen und sich dabei neue Qualitäten erarbeitet. Und so hat der Wille, der sich über jene Hemmnisse hinwegsetzen musste neue Helden produziert, und es wird der Glanz dieser Silbermedaille, noch weit in zukünftige Generationen hinein, das Ansehen des deutschen Basketballs veredeln.

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