Damen-Bundestrainer Olaf Stolz im Interview15. September 2005

„Es wird mit unterschiedlichen Waffen gekämpft“

Wenige Tage nach dem 11. Platz der Damen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in der Türkei spricht Bundestrainer Olaf Stolz über das Abschneiden seines Teams. Für ein endgültiges Fazit scheint es allerdings noch zu früh . . .

Wie geht es Ihnen?

Stolz: Ehrlich gesagt, es geht mir nicht besonders prickelnd. Die Ziele, die wir uns für die Europameisterschaften in der Türkei vorgenommen hatten, haben wir nicht erreicht. Ich muss das alles erst einmal in Ruhe betrachten.

Können Sie denn jetzt schon mit etwas Abstand auf das Turnier blicken?

Stolz: Normalerweise brauche ich immer ungefähr eine Woche, um die Dinge zu verarbeiten. Dann lasse ich alle Geschehnisse noch einmal Revue passieren, schreibe sie mir auf und analysiere dann erst. In der Regel packe ich mir zuerst an die eigene Nase, gucke, was ich persönlich hätte besser machen können. Dann tausche ich mich mit meinem Trainerteam aus. Es ist auf jeden Fall wichtig, dass man auch andere Meinungen hört, andere Perspektiven wahrnimmt und dann erst urteilt.

Woran hat es denn letztendlich gelegen, dass die Mannschaft die Erwartungen nicht erfüllen konnte?

Stolz: Wie immer ist es nicht nur an einem einzigen Grund festzumachen. Es ist ja bekanntlich immer ein Ursachenbündel, das zu einem bestimmten Ergebnis führt. Zum einen sind es natürlich die Athletik und auch die Erfahrung, die die Top-Nationen uns noch voraus haben. Auch wenn wir einige erfahrene Spielerinnen dabei hatten, so fehlt vielen unserer Jungen einfach der ständige Wettkampf auf hohem Niveau. Andererseits sind es oft nur Kleinigkeiten, die zumindest die knapperen Spiele entscheiden.

Es fehlt also die so oft beklagte Spielpraxis?

Stolz: Das ist sicherlich einer der Gründe für den derzeitig schwierigen Stand gegen internationale Konkurrenz. Man merkt es den Spielerinnen einfach an, ob sie geübt mit Stresssituationen umgehen können und gute Entscheidungen treffen. Wenn es kritisch wird, kann bei den Unerfahreneren schon mal die Fehlerquote steigen und der Gegner zu leichten Körben kommen.

Muss man also akzeptieren, dass man international nicht mehr konkurrenzfähig ist?

Stolz: Was die Top-Mannschaften angeht, so können wir momentan sicherlich nicht mithalten. Es wird da mit unterschiedlichen Waffen gekämpft. Im Gegensatz zu unseren Talenten haben andere Teams knapp zwanzigjährige Spielerinnen in ihren Reihen, die schon mehrer Jahre Europaligaerfahrung vorweisen können. Aber ich will auch nicht alles auf die Rahmenbedingungen schieben, die sind ja auch bekannt. Außerdem denke ich, dass wir in den ersten Spielen gegen Nationen wie Griechenland, Lettland und auch Polen gesehen haben, dass wir uns mit diesen Mannschaften durchaus auf Augenhöhe befinden. Alle drei Spiele wurden durch wenige knappe Situationen entschieden. Da haben wir Dinger daneben gelegt, das glaubt man gar nicht. Wenn einfache Korbleger nicht reingehen, dann wird’s natürlich schwierig ein Spiel zu gewinnen. Es hätte also auch anders ausgehen können.

Auch wenn Linda Fröhlich mit 16,4 Punkten Topscorerin ihres Teams war, war sie doch nicht die gewünschte Siegbringerin. Hatten Sie sich da mehr erhofft?

Stolz: Es wäre völlig falsch unser Abschneiden nur an einer Person festzumachen. Auch bei Linda ist natürlich nicht alles optimal verlaufen. Doch auch wenn sie nicht 100prozentig fit war und erst spät in die Vorbereitung mit einsteigen konnte, ist sie trotzdem unsere beste Spielerin und ihre Führungsqualitäten sind nicht weg zu diskutieren.

Gibt es zu wenig Führungsspielerinnen im deutschen Team, die bereit sind mehr Verantwortung zu übernehmen?

Stolz: Wir sind uns unserer Fähigkeiten schon vor dem Turnier durchaus bewusst gewesen. Wir wussten, dass uns bestimmte Dinge einfach fehlen. Um so mehr muss man dann versuchen, diese Defizite durch andere Stärken zu kompensieren. Das ist uns leider nicht so gelungen, wie wir uns das vorgestellt haben.

Kann man trotz 11. Platz bei der EM optimistisch sein, was die Zukunft des Deutschen Damenbasketballs angeht?

Stolz: Natürlich. Auch wenn man grundsätzliche Dinge ändern müsste, um langfristig ganz oben mitspielen zu können. Was die Mannschaft angeht, haben wir ja auch schon einen Prozess der Veränderung eingeleitet und versuchen dabei viele junge Spielerinnen frühzeitig zu integrieren, damit es später keinen radikalen Bruch gibt, wenn Ältere aufhören. 

Wie sieht die nähere Zukunft bei Ihnen aus?

Stolz: In die Analysephase werden wir erst nächste Woche gehen. Wobei nicht nur der Trainerstab, sondern auch Teile des DBB-Präsidiums teilnehmen sollen. Es gibt eine Menge zu verändern und auch schon viele Ideen. Es wird dann eine Art Rangliste erstellt, die für die Zukunft bestimmte Grundsätze festlegt. Es geht ja auch immer darum, was überhaupt an Projekten finanzierbar ist. Wichtig wird auch sein, dass die Herren in Serbien & Montenegro erfolgreich sind. Das hängt alles miteinander zusammen. Dabei wünsche ich dem Nationalteam natürlich das Beste. Sie hätten es einfach verdient. Das Trainergespann leistet meiner Meinung nach hervorragende Arbeit.


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