Interview: Gavin Schilling18. April 2014

Gavin Schilling ist mit 18 Jahren einer der jüngsten Spieler in der NCAA und der jüngste der deutschen Collegespieler in der vergangenen Saison. Doch in seinem ersten Jahr an der Michigan State University hat er bereits viel erlebt. Neues Umfeld, neues Team, ein Trainingslager mit den Navy Seals und den Einzug unter die Elite Eight im NCAA-Tournament vor ausverkauftem Haus im Madison Square Garden. Grund genug für ein Interview mit Gavin, der übrigens vor zwei Jahren beim AST 2012 den vierten Platz für das DBB-Team errungen hat und gerne wieder für die Nationalmannschaft auflaufen möchte.

DBB: Gavin, anders als die meisten deutschen Collegespieler hast du bereits in den USA gelebt. Der Schritt an die Michigan State war wahrscheinlich kein großer Kulturschock für dich. Hat dich irgendetwas dennoch überrascht?
Gavin Schilling: Ich habe mich bewusst für Michigan State entschieden, nachdem ich zum Ende meines Recruiting-Prozesses auch noch die Programme u.a. von UCLA (Los Angeles) und Villanova (Philadelphia) in meine Endauswahl mit einbezogen habe. In meiner Entscheidungsfindung habe ich 5 Kriterien herangezogen: 1. Academic Level, 2. Basketball-Programm (Historie, Division I), 3. Head Coach und Coaching Team (Erfahrung, Expertisen, Reputation, Erfolge); 4. Vorgesehene Rolle im Team, 5. Soziales Umfeld (Team, College). Letztendlich kam ich zu der Überzeugung, an der Michigan State University und unter Head Coach Tom Izzo die besten Voraussetzungen für meine persönliche und sportliche Weiterentwicklung vorzufinden.

DBB: Wie schwer ist es dir gefallen, von der Familie getrennt zu sein?
Gavin Schilling: Ich bin in Deutschland (München) geboren, in Frankreich aufgewachsen und lebe seit meinem 8. Lebensjahr in den USA, dem Heimatland meiner Mutter. Das Schuljahr 2010/2011 verbrachte ich wiederum in Deutschland an der Urspringschule. Insofern bin ich es gewohnt, länger von meiner Familie weg zu sein und mich in einem internationalen Umfeld zu bewegen. Meine Eltern haben mich dabei von Beginn an unterstützt und sind für mich ein sehr wichtiger Bezugspunkt in allen Fragen.

DBB: Wie viele Trainingseinheiten habt ihr im Schnitt? Auf was achtest du besonders? Wie ist der Kontakt zu den Coaches (speziell zu Tom Izzo)?
Gavin Schilling: Während der Saison trainieren wir in der Regel von Montag bis Freitag zwischen zwei und drei Stunden, ergänzt um 2-3 mal Krafttraining pro Woche. Im Teamtraining versuche ich, mein taktisches Verständnis zu verbessern und im Individualtraining arbeite ich verstärkt an meinem Wurf, der Fußarbeit und dem Ballhandling. Der Kontakt zu den Coaches ist sehr gut und zu Head Coach Tom Izzo habe ich ebenfalls ein sehr gutes Verhältnis. Er verfügt über sehr viel Erfahrung, lebt Basketball wie kein anderer und verfügt über ein ausgezeichnetes Gespür in der Kombination als Head Coach, der einem im Training alles abverlangt und „väterlicher Freund“. Wir fühlen uns im Team wie eine große Familie.

DBB: Du bist in dieser Saison gerade einmal 18 Jahre alt geworden. Vorteil oder Nachteil in der NCAA?
Gavin Schilling: Ich bin im November 1995 geboren und würde jetzt normalerweise mein Senior Year an der High School absolvieren. Damit bin ich es gewohnt, mich stets mit älteren Jahrgängen zu messen. Körperlich war die Umstellung auf das Spiel in der NCAA für mich weniger das Problem. Die Spielweise ist jedoch wesentlich härter und athletischer als in ein meiner Zeit an der High School und unterscheidet sich deutlich von der in Europa. Mein Ziel ist es, nach vier Jahren meinen Abschluss am College zu machen und mich in dieser Zeit sportlich weiterzuentwickeln. Dann bin ich 21 Jahre alt und werde sehen, welche Optionen sich für mich ergeben.

DBB: Was hat dich in deinem ersten Jahr am meisten überrascht? Gab es eine besondere Anekdote oder ein spezielles Erlebnis?
Gavin Schilling: Überrascht war ich von der Intensität im täglichen Training unter Head Coach Tom Izzo und der Spielhärte und Spielanlage innerhalb der Big Ten Conference und auf College-Level insgesamt. Ein spezielles Erlebnis war für mich in der Saisonvorbereitung ein zweitägiges Ausdauer-und Leadership-Training mit den Navy Seals, der Spezialeinheit der US Navy. Ein bewegender Moment war für mich der Gewinn des Big Ten Tournaments, als wir im Finale unseren „Lokalrivalen“, die Michigan Wolverines besiegten.

DBB: March Madness ist in den USA etwas ganz Großes – wie hast du den Hype als Spieler erlebt? Nervös, wenn man vor so vielen Zuschauern aufläuft?
Gavin Schilling: Die March Madness ist schon etwas Besonderes und in den rund vier Wochen, in der die verbleibenden 64 Teams im K.o.-System um den NCAA-Meistertitel ringen, das Sportereignis schlechthin in den U.S.A. Wir hatten mit den Spartans bereits in der laufenden Saison vor großen Kulissen, u.a. im United Center in Chicago und im Madison Square Garden in New York gespielt. Und unsere Heimspiele sind mit rund 15.000 Zuschauern stets ausverkauft. Man spürt einfach, dass Basketball in den U.S.A. in etwa mit der Popularität von Fußball in Europa gleichzusetzen ist.

DBB: Ihr habt ein furioses Turnier gespielt, seid bis unter die besten acht gekommen und dann knapp an Connecticut gescheitert. Wie hast du das Turnier erlebt?
Gavin Schilling: Mit dem Gewinn des Big Ten Tournaments sind wir mit gestärktem Selbstvertrauen ins NCAA Tournament gestartet. Zumal wir nach zahlreichen Verletzungen wieder komplett waren und zu alter Spielstärke zurückgefunden haben. In der zweiten Runde waren wir gegen Delaware, in der dritten Runde gegen Harvard erfolgreich. In der Sweet Sixteen setzten wir uns dann gegen Virginia durch, ein Team dass das allseits zu den Mitfavoriten auf den NCAA-Titel gehandelt wurde. Damit qualifizierten wir uns für die Runde der letzten acht Teams und standen dann in der Elite Eight im Madison Square Garden in New York UCONN gegenüber. In diesem Spiel kamen wir zu keinem Zeitpunkt richtig in Schwung und erwischten einen äußerst schlechten Start. Nach knapp 5 Minuten Spielzeit lagen wir mit 2:12 in Rückstand, den wir bis zur Halbzeit in ein 25-21 zu unseren Gunsten umwandelten und zu Beginn der zweiten Hälfte auf einen neun Punkte-Vorsprung ausbauen konnten. Doch dann verloren wir plötzlich den Faden, leisteten uns unnötige Ballverluste, technische Fehler und trafen mehrmals hintereinander aus aussichtsreicher Position nicht den Korb, sodass UCONN im Gegenzug mit einem 12:0 Run die Führung übernehmen konnte. Zwar kamen wir 60 Sekunden vor Spielende nochmals auf zwei Punkte heran, doch war es erneut unser eigenes Verschulden, dass wir das Spiel nicht mehr zu unseren eigenen Gunsten gedreht haben. Letztendlich hatten wir es selbst in der Hand. UCONN war an diesem Tag treffsicherer, insbesondere von der Freiwurflinie und hat in den verbleibenden 30 Sekunden nichts mehr anbrennen lassen.
Das war ein sehr bitterer Moment und die Enttäuschung groß, weil wir – nicht zuletzt für Adreian Payne und Keith Appling, zwei unserer scheidenden Seniors und Leistungsträger – unbedingt das Final Four erreichen wollten. In der Heimstätte des Football-Teams Dallas Cowboys vor der größten Kulisse in der College Basketball-Historie zum großen Wurf auszuholen war sicher für jeden Spieler der insgesamt 350 NCAA-Teams der Traum schlechthin.
Die March Madness ist ein Spektakel vor Millionenpublikum, bei der selbst Präsident Obama (er tippte übrigens auf uns als neuen NCAA-Champion) mit fiebert und für rund vier Wochen alle anderen Sportarten in den USA in den Hintergrund stellt. Als Spieler im NCAA-Showdown selbst Teil dieser elektrisierenden Sportbewegung zu sein ist ein unvergessliches Moment und motiviert bereits für die kommende Saison.

DBB: Welche Ziele hast du dir für dein zweites Jahr gesteckt? Was sind deine Pläne? Wo willst du nach deiner Collegezeit hin?
Gavin Schilling: In meinem ersten Jahr kam ich bislang in allen 37 Spielen zum Einsatz. In meinem Sophomore-Jahr will ich meine Spielzeit durch gute Leistungen erhöhen und damit zum Erfolg im Team beitragen. Insgesamt steht für mich die sportliche Weiterentwicklung im Einklang mit einem erfolgreichen College-Abschluss.

DBB: Thema Nationalmannschaft – wie ist das Gefühl, für Deutschland zu spielen? Wie sehen die Pläne aus? Spielst du in diesem Jahr?
Gavin Schilling: Ich empfinde es als Ehre für die Nationalmannschaft spielen zu dürfen. Eine Nominierung für die Nationalmannschaft  wird in erster Linie von meiner Leistung abhängen und inwieweit ich im Team einen Mehrwert einbringen kann. Ebenso muss dies im Einklang mit meinem Zeitplan am College und den Überlegungen von Coach Tom Izzo stehen.

DBB: Ist das Traumziel die A-Nationalmannschaft für dich?
Gavin Schilling: Zunächst steht für mich im Vordergrund, über den Sommer hinweg und in Vorbereitung auf die kommende Saison weiter an den Basics zu arbeiten und meine individuellen Skills zu verbessern. Mein Ziel ist es, mich jeden Tag zu verbessern. Sollte mir das gelingen, wird sich alles weitere daraus ergeben.

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