Henning Harnisch: „Es geht nur gemeinsam“9. Oktober 2013

Am 18. Oktober startet die Nachwuchs Basketball Bundesliga (NBBL) in ihre achte Spielzeit, die Jugend Basketball Bundesliga (JBBL) geht bereits in ihr fünftes Jahr. Grund genug, die handelnden Personen und Persönlichkeiten, die sich seit der Einführung der beiden professionellen Jugendligen für die Nachwuchsarbeit in Deutschland engagieren, einmal genauer vorzustellen. Zum Start der neuen Serie “Persönlich” kommt Henning Harnisch zu Wort. Der Europameister von 1993 hat sich als einer der profiliertesten Nachwuchsförderer in Deutschland einen Namen gemacht – auch durch teils unkonventionelle Ideen.

Europameister, Stirnbandträger, Gegner von Michael Jordan: Henning Harnisch war der erste Popstar des deutschen Basketballs. Der langhaarige Schlacks machte in den 90er Jahren aufgrund seiner spektakulären Spielweise nicht nur den Dunking salonfähig, er gewann national alles, was es zu gewinnen gab, unter anderem neun Mal in Folge die Deutsche Meisterschaft. 1993 holte er mit Deutschland sensationell den EM-Titel, ein Jahr zuvor stand er bei den Olympischen Spielen auf dem gleichen Parkett wie das legendäre Dream Team. Im Alter von nur 30 Jahren beendete der gebürtige Marburger seine aktive Karriere und begann ein Studium der Kultur- und Filmwissenschaften. 2004 kehrte er als Teammanager von ALBA Berlin in die Liga zurück, von 2008 bis Mitte 2010 war er Sportdirektor. Dann trat er, für viele überraschend, von diesem Amt zurück und widmete sich als  Vizepräsident dem, was ihm besonders am Herzen lag: der Nachwuchsarbeit. Heute engagiert sich Harnisch unter anderem als Botschafter der „kinder + Sport Basketball Academy“.

Henning, wie kam es 2011 zur Gründung der „kinder + Sport Basketball Academy“?
Henning Harnisch: Die Initiative „kinder + Sport“ engagiert sich schon seit 2006 in der Leichtathletik für die Jugendförderung, unterstützt da die Kinder beim Erwerb des Deutschen Sportabzeichens. Danach gab es die Überlegung, sich auch im Basketball zu engagieren, und über diese Idee kam dann ALBA Berlin ins Spiel. Zusammen haben wir die „kinder + Sport Basketball Academy“ vor zwei Jahren ins Leben gerufen.

Was ist das Besondere an diesem Projekt?
Generell geht es darum, Kinder ins Spielen und Bewegen zu bringen. Wenn Kinder sich dann für Basketball entscheiden, fehlt ihnen aber oft der Antrieb zum selbständigen Üben. Mit einem sechsstufigen Level-System, das in dieser Form einzigartig ist, wollten wir in dieser Hinsicht neue Anreize schaffen. Dafür haben wir quasi die Gürtelfarben-Idee aus Kampfsportarten für Basketball „übersetzt“. Für jedes absolvierte Level gibt es ein Trikot in anderer Farbe.

Die „kinder+Sport Basketball Academy“ bietet den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, ein Trainingsprogramm zu absolvieren und dabei verschiedene Leistungsstufen zu erreichen. In einem speziell entwickelten, vier Stationen umfassenden Trainingsparcours können die Kids ihre Basketball-Fähigkeiten und -Fertigkeiten in den Kategorien Werfen, Passen, Dribbeln und Koordination unter Beweis stellen. Unter der Anleitung erfahrener Jugendtrainer der Beko BBL-Vereine können insgesamt sechs Trikots erspielt werden. Das weiße „Rookie“-Trikot erhalten die Teilnehmer, wenn sie den ersten Testtag erfolgreich gemeistert haben. Als zweites folgt das gelbe „Junior“-Trikot, danach geht es für die Nachwuchsbasketballer um das blaue „Player“-Jersey. Wer es bis zum vierten Level schafft, erhält ein grünes Trikot und darf sich „Baller“ nennen. Um es zum „Master“ zu schaffen und sich in rot kleiden zu können, müssen die Kids bereits fortgeschrittene Basketball-Skills vorweisen. Wie bei den Profis ist auch bei der „kinder+Sport Basketball Academy“ der Titel des „Allstars“ das Ziel der Träume. Wer es schafft, die schwierigste und letzte Prüfung zu meistern, dem wird ein schwarzes Trikot überreicht. Um bei den Testtagen gut vorbereitet zu sein, erhalten alle Teilnehmer eine Trainings-DVD, auf der deutsche Nationalspieler als Level-Paten die Übungen erklären.

Wie sind die verschiedenen Übungen zusammengestellt worden?
Diese haben wir in Zusammenarbeit mit erfahrenen Jugendtrainern erstellt. Was mir gar nicht so bewusst war, die Trainer aber für sehr wichtig erachtet haben, war der Punkt Koordination. Der Schwerpunkt der Übungen liegt natürlich auf den drei Säulen Dribbeln, Passen und Werfen. Vom Korbleger bis zum Dreier ist es ein langer Weg.

Neben Berlin, München, Oldenburg und Bamberg gibt es seit dieser Saison mit Bonn, Bremerhaven, Braunschweig, Hagen, Ludwigsburg und dem Mitteldeutschen BC sechs weitere Beko BBL-Standorte, an denen die „kinder  + Sport Basketball Academy“ installiert worden ist.
Ja, es ist toll, dass dieses Projekt inzwischen zu einem großen Beko BBL-Thema geworden ist. Das Programm ist aber nicht nur auf Erstliga-Standorte beschränkt, sondern auch für die Basis und für ganze Regionen geeignet. Etwas Vergleichbares gab es in Deutschland noch nicht. Beim Mini-Turnier, das kürzlich in Göttingen stattgefunden hat, waren die Stationen der „kinder + Sport Basketball Academy“ der Hit. Erfreulicherweise fragen inzwischen auch viele Sportlehrer an und informieren sich über das Programm. Es ist ein Instrument, Kinder schon in einem frühen Alter ins Spielen und zum Basketball zu bringen.

Die Academy ist für Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sieben und 15 Jahren gedacht. Mit anderen Worten: Das Programm ist der ideale Einstieg beziehungsweise ein gutes Fundament für künftige JBBL- und NBBL-Spieler?
Das Besondere an dem Programm ist, dass es erst einmal alle Kinder anspricht. Das Rookie-Level soll die Kinder mit Basketball in Berührung bringen und begeistern. Für die Stufe „Allstar“, die letzte und schwierigste unseres Systems, müssen vier von fünf Dreiern getroffen werden; das ist auch für JBBL-Spieler eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Kinder sehen, dass sie durch ständiges Üben besser werden und die Anforderungen jeden Levels irgendwann erfüllen können. Es ist auch eine Art, das Lernen zu lernen – ich sehe es als „freie Schule des Basketballs“. Außerdem halte ich gerade Basketball, eine phantastische Sportart, für identitätsstiftend. Deshalb kämpfe ich dafür, dass möglichst viele Kinder unseren Sport kennen lernen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Kinder und Jugendliche, die Sport treiben, eine glücklichere Kindheit haben.

Henning Harnisch begleitet seit ihrer Gründung im Jahr 2006 die NBBL, unter anderem als Mitglied des Liga-Ausschusses. Als Vizepräsident von ALBA Berlin widmet er sich nicht nur dem Jugend-Leistungssport, sondern will möglichst vielen Jugendlichen den Spaß am Sport vermitteln. „Ob Spieler am Ende 1. Liga oder Kreisklasse spielen, ist doch völlig egal. Wichtig ist, mit dem Medium Sport den Kindern eine glücklichere Kindheit zu bescheren“, sagte Harnisch 2010 im Gespräch mit „Faktor Sport“, dem Magazin des Deutschen Olympischen Sportbunds.

Du sprichst davon, dass sich Kinder und Jugendliche erst im Alter von 15 oder 16 Jahren ernsthaft damit beschäftigen sollten, welchen Sport sie betreiben wollen. Dass man nicht mehr zwischen Schul- und Vereinssport unterscheiden könne, weil die Schüler heute oft bis zum späten Nachmittag in der Schule sind. Dir schweben Basketball-Camps von 16 bis 22 Uhr vor, als Alternative zum klassischen Vereinstraining. Das sind ziemlich revolutionäre Ansätze.
Und ich weiß, dass diese hier schwer zu realisieren sind. Deutschland ist ein Verwaltungsland; wir tun uns schwer damit, neue Dinge auszuprobieren. Ich bin der Meinung, dass der deutsche Sport generell in einer großen Krise steckt, weil die Strukturen festgefahren sind. Selbst der Fußball ist beziehungsweise war von dieser Krise nicht ausgenommen. Nach dem schlechten Abschneiden der Nationalmannschaft bei der EM 2000 hat beim Deutschen Fußball-Bund zumindest für den Bereich des Jugendleistungssports ein Umdenken stattgefunden; die Früchte erntet der Verband heute. Ich nehme dieses Thema sehr ernst und habe mir vorgenommen, beharrlich für ein Umdenken in unserer Sportart zu kämpfen. Wir müssen den Mut haben, vermeintliche Naturgesetze, die seit Jahrzehnten gelten, aufzulösen.

Wie bewertest Du in diesem Zusammenhang die Bemühungen des Deutschen Basketballs, unter anderem die Einführung von NBBL und JBBL?
Lange Zeit galten die Franzosen in Sachen Jugendarbeit als vorbildlich. Ich finde aber, wir haben mit der Einführung von NBBL und JBBL etwas sehr gutes Eigenes geschaffen. Wir haben inzwischen sehr viel mehr ausgebildete Jugendtrainer, das kann uns schon mal keiner mehr nehmen. Dazu kommt die überfällige Entwicklung hin zur 6+6-Regel in der Beko BBL. Alles zusammen genommen ist das eine sehr gute Entwicklung, die es in den Jahrzehnten zuvor noch nie gab und die in die richtige Richtung geht. Was die nächsten Jahre im deutschen Basketball angeht, können wir positiv aufgeregt sein.

Was muss mit Blick auf die beiden professionellen Nachwuchsligen aus Deiner Sicht der nächste Schritt sein?
Man muss ganz genau analysieren, wie groß der Abstand zwischen Programmen, die regelmäßig Talente hervorbringen, und anderen Klubs ist. Mangelnder Wettbewerb und ein Fehlen von geeigneten Strukturen in der Liga ist kontraproduktiv. Meiner Meinung nach muss außerdem mehr an den individuellen Skills und der Kreativität der Spieler gearbeitet werden; Meisterschaften sind in diesem Alter noch nicht so wichtig.

Aber hat es da ein Klub bzw. eine Stadt wie Berlin, die ein großes Einzugsgebiet hat, nicht einfacher als kleinere Vereine?
Wer hat denn in den vergangenen Jahren sportlich eine gute Rolle gespielt? Das waren doch auch Programme wie Urspring und Paderborn: Kleine Standorte, die es dennoch mit konsequenter Jugendarbeit geschafft haben, talentierte Spieler hervorzubringen. Anders herum muss man sich doch fragen: Warum hat eine Stadt wie Berlin drei oder vier NBBL-Teams?

Womit wir wieder bei Deinem Club ALBA und dessen Nachwuchsprogramm wären. Vor knapp vier Jahren hast Du gesagt, dass Du Dich auf das Jahr 2020 freust, weil man dann das Ergebnis Eurer Bemühungen im Nachwuchsbereich sehen würde. Was meinst Du damit?
Wir haben bei ALBA inzwischen 2.000 Kinder zum Basketball gebracht. Wir gehen an die Grundschulen in der Stadt, weil wir der Überzeugung sind, dass wir ganz unten und ganz früh anfangen müssen. Ich habe damals überschlagen, dass aus 250 Schülern pro Jahrgang theoretisch fünf Nationalspieler herauskommen müssten. Ob es dazu kommt, wird man erst in ein paar Jahren sehen. Im Hier und Jetzt macht es für mir aber total Spaß mit anzusehen, auf welchem Niveau sich unsere zwölf- und 13-jährigen Spieler schon bewegen.

Du hast eben die Krise im deutschen Sport, speziell was die Nachwuchsarbeit angeht, angesprochen. Was stimmt Dich optimistisch, dass die Sportart Basketball diese Krise meistert?
Weil wir Basketballer uns schon immer verstanden haben und im Grunde die selbe Sprache sprechen! Das beste Beispiel sind doch NBBL und JBBL, wo der DBB, die Beko BBL und Die Junge Liga gemeinsame Sache machen. Und das ist der Schlüssel: Es geht nur gemeinsam!

PM: NBBL gGmbH / JF

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