Spielerporträts
Ademola Okulaja:
"Krieger und König"
Video: Ademola Okulaja im Interview und in AktionManche Kenner nennen das, was Ademola Okulaja auf dem Court verrichtet, anerkennend „Drecksarbeit“.
Der gebürtige Nigerianer und 155-fache deutsche Nationalspieler ist eine vorbildliche Kämpfernatur, jemand der beharrlich um jeden Ball fightet, vor Tatkraft und Selbstbewusstsein nur so strotzt und so ein Team mitzureißen vermag. Nicht umsonst wird Okulaja „Warrior“ („Krieger“) gerufen. Kostprobe? „Ich hasse es nach einem Spiel in die Umkleidekabine zu kommen und noch ein bisschen Energie zu haben. Das ist eine Ausrede, und ich hasse Ausreden.“
An für sich sagt Okulajas Spitzname bereits viel über sein Ansehen in Basketball-Kreisen aus, mehr noch als seine persönlichen Statistiken.
Fragt man Okulaja selbst, beschreibt er seine Rolle auf dem Spielfeld nüchtern in zwei Sätzen: „Ich kann punkten, passen, rebounden und verteidigen. Was immer das Team auch braucht, ich versuche es zu bringen.“ Konkret heißt das: Ohne Okulajas Eifer, Athletik und Vielseitigkeit ist die deutsche Nationalmannschaft kaum in der Lage bei der Europameisterschaft 2005 in Serbien und Montenegro um die vorderen Plätze mitzuspielen.
Denn jede Mannschaft sollte zumindest zwei Spieler vorweisen können, welche die Führung übernehmen, wenn es auf dem Court eng wird. Bei den Chicago Bulls der 90er Jahre waren das Michael Jordan und Scottie Pippen, in der DBB-Auswahl sind dies unbestritten Dirk Nowitzki und Ademola Okulaja.
Dabei spielt Okulaja genauso wie Pippen mehr als nur die zweite Geige, vor allem in der Defensive.
Wenn Nowitzki nicht dabei ist, laufen die Angriffe über Okulaja, wie etwa bei der erfolgreichen Qualifikation für die EM. Steht der Blonde wiederum auf dem Feld, besitzt die deutsche Equipe einen vorzüglichen „1-2-Punch“. Einzige Gefahr: Nicht selten vertraut die Mannschaft laut Bundestrainer Dirk Bauermann zu sehr „auf den lieben Gott, Nowitzki und Okulaja“.
In Europa gehört Okulaja zweifelsohne zu den Elite-Spielern auf der Flügelposition. Der Sprung in die amerikanische Profiliga NBA ist ihm allerdings verwehrt geblieben. Die NBA-Scouts sahen in dem 2,06 Meter großen Modell-Athleten immer den „Tweener“: Zu klein für die Position des Power Forwards, zu langsam für einen Small Forward. Indes, Okulajas Selbstbewusstsein reicht aus, um zu versichern, er habe das Zeug zum NBA-Spieler. „Wenn ich Vince Carter oder Kobe Bryant decken muss“, erklärt er, „dann muss ich klar sagen, dass ich zu langsam bin. Aber in der richtigen Mannschaft könnte ich glaube ich auf jeden Fall mitspielen.“
Dass eine NBA-Karriere nicht das Maß aller Dinge hat Okulaja mittlerweile gelernt: Inzwischen hat er sich, immerhin schon 30 Jahre alt, mit seinem Dasein in den besten europäischen Ligen abgefunden. Spanien ist und wird wohl seine Basketball-Heimat bleiben (Zuletzt hatte sich der Flügelspieler 2003 im Sommer Camp der Utah Jazz vergeblich um ein Engagement bemüht.). An Iberien schätzt Okulaja die Lockerheit, das sonnige Wetter und das Essen („Fisch, Knoblauch, Olivenöl - mehr brauchst du nicht“.).
Privat ist Ademola Okulaja (übersetzt: „Gebender König“) ein Lebemann, HipHop-Liebhaber und gerne mit seinen multikulturellen Freunden – Türken, Perser, Kroaten, Serben, Ägypter, Deutsche, US-Amerikaner - unterwegs. Im Fernsehen schaut er sich am liebsten „Full Contact Kick-Boxen“ an, sein Lieblingsbuch ist ein Klassiker der afroamerikanischen Literatur, „Native Son“ von Richard Wright. Zudem unterstützt Okulaja diverse wohltätige Organisationen, wie zum Beispiel das Kinder-Projekt „Read to Achieve“.

Von Lagos nach Berlin
Ademola Okulaja wird im Juli 1975 in Nigeria, Westafrika geboren. Der Vater ist Nigerianer, die Mutter Deutsche. Mit drei Jahren zieht die Familie von Lagos in die geteilte Hauptstadt nach Berlin. Dort besucht der junge Okulaja später die deutsch-amerikanische Gesamtschule John F. Kennedy.
Erst mit 14 Jahren beginnt er mit dem organisierten Basketball, bei der DTV Charlottenburg, dem Vorgänger-Verein von Alba Berlin. Davor spielt er Streetball und Rugby mit seinem Bruder Adekola, zu dem er aufschaut. Bereits 1990 erfolgt der Wechsel in die Talentschmiede des TuS Lichterfelde. Dort trifft er auf seinen ersten Mentor, den Spielmacher und Kopf des Teams, Emir „Muki“ Mutapcic, ein strenger Verfechter der jugoslawischen Basketball-Schule. Mit 17 ist Okulaja Leistungsträger in der Zweitliga-Mannschaft und auch in den Junioren-Nationalmannschaften eine feste Größe. (In seiner freien Zeit zieht er weiterhin mit seinem besten Freund Ümit über die Freiplätze Berlins und zockt die Konkurrenz im Streetball ab.)
Mit einer Doppellizenz ausgestattet, trainiert Okulaja ab 1994 täglich mit den Alba-Profis, darunter National-Mannschaftskapitän Henrik Rödl, Teoman Alibegovic und Head Coach Svetislav Pesic. 1995 absolviert er sein erstes Bundesligaspiel für den Hauptstadtclub, die Mannschaft gewinnt in dieser Saison den Korac-Cup, dazu feiert der 20-Jährige sein Debüt in der Nationalmannschaft. Bei der Europameisterschaft in Griechenland steht er unter anderen gemeinsam mit Christian Welp (heute: DBB- Assistenztrainer) und Denis Wucherer im Kader.
Teerfersen und der Traum von der NBA
Nach nur einer Saison als Albatross entschließt sich Okulaja zu einem Wechsel an die renommierte Universität von North Carolina. Dort haben bereits Michael Jordan und Henrik Rödl unter der Trainer-Legende Dean Smith gelernt. Gemeinsam mit den heutigen NBA-Stars Vince Carter und Antawn Jamison bildet Okulaja ein schlagkräftiges Trio, auch abseits des Spielfelds. Zwei Mal erreicht man das NCAA Final-Four-Turnier, zu „March Madness“- Zeiten trainiert Okulaja vor 20.000 Fans.
Nach dem Wechsel seiner zwei Teamkameraden in die NBA wird Senior Okulaja in der Saison 1999 zum Anführer und Vorzeigespieler der „Tar Heels“. Nach einem Karriere-Jahr wird er in das „First Team“ der AAC (All-Atlantic Coast) gewählt, eine große Ehre, die bisher nur wenigen Spielern aus North Carolina, darunter Rasheed Wallace und Michael Jordan, zuteil geworden ist.
Als Spieler ist aus dem ehemals sprunggewaltigen Power-Athleten ein Allrounder geworden. Erwähnt sei nur der stark verbesserte Distanzwurf, auch jenseits der Drei-Punkte-Linie. In insgesamt 139 Spielen für die „Teer-Fersen“ erzielt Okulaja 9 Punkte, 6 Rebounds und 2,5 Vorlagen im Schnitt.
Trotz der guten Leistungen und der ausnahmslosen Wertschätzung wird Okulaja von keinem NBA-Club gedrafted – eine herbe Enttäuschung für den damals 24-Jährigen. Dafür kann er einen Abschluss in „International Studies“ (Schwerpunkte: Wirtschaft, Politik und Recht) vorweisen - für einen College-Spieler mit NBA-Ambitionen mehr als ungewöhnlich.
Zum Abschied aus den USA gibt sich Okulaja sowohl unbeirrt als auch realistisch: „Meinen Traum von der NBA gebe ich so schnell nicht auf”, sagt er. „Mein Platz ist aber jetzt in Europa, wahrscheinlich in Berlin.“ So kommt es auch.
Wandervogel
Zurück in Berlin trifft Okulaja neben vielen altbekannten Gesichtern auch auf neue Mitspieler: Mit Patrick Femerling, Stefano Garris, Misan Nikagbatse und Sven Schultze wird Okulaja 1999 erstmals Deutscher Meister. Bei der Europameisterschaft in Frankreich erzielt Okulaja in 9 Spielen und 27 Minuten Spielzeit 10 Punkte, 5 Rebounds und 2 Assists im Schnitt. Aber trotz der gelungenen Rückkehr auf das europäische Basketball-Parkett träumt Okulaja weiter von der NBA.
Tatsächlich schafft es der Deutsche in den Kader der Philadelphia 76ers. Allerdings erhält der Rookie keine Spielzeit, so dass er bereits Anfang 2001 die Vereins-Verantwortlichen desillusioniert um die vorzeitige Auflösung seines Vertrags bittet. „In der NBA zu spielen, da ist ein Traum für mich wahr geworden“, erzählt Okulaja zu jener Zeit. „Aber das wichtige Wort ist ´spielen´. Ich bin noch zu jung, um herum zu sitzen.“
Viel Spielzeit erhält der NBA-Rückkehrer in Europa beim spanischen Erstligisten CB Girona. Mit 23 Punkten und 8 Rebounds im Schnitt ist er Star und Leistungsträger des Teams: "Ich habe lange und hart dafür gearbeitet“, freut sich Okulaja, „jetzt ernte ich langsam die Früchte." Okulaja wird zum Rookie und Bosman-Spieler des Jahres in Spanien gewählt, bei der Wahl zum Most Valuable Player landet er auf dem zweiten Platz.
Im Sommer 2001 startet Okulaja einen neuerlichen Versuch, es in die NBA zu schaffen: Trotz guter Leistungen im Trainingslager kann er sich nicht für ein NBA-Engagement empfehlen, diesmal bei den San Antonio Spurs.
In Amerika verschmäht, in Europa heiß begehrt: Nach seiner Rückkehr heuert Okulaja beim spanischen Spitzenclub FC Barcelona an – eine vorzügliche Adresse, auch in finanzieller Hinsicht. Bei den Katalanen ersetzt er den spanischen Star Pau Gasol (Memphis Grizzlies) und spielt zusammen mit dem Litauer Sarunas Jasikevicius in der Euroleague. Okulaja erzielt 16 Punkte, 7 Rebounds, 2 Assists und 2 Steals pro Partie und wird zum Vereins-internen MVP gewählt.

Bei der Europameisterschaft 2001 in der Türkei erreicht die deutsche Equipe, angeführt von Dirk Nowitzki und Okulaja (13 Punkte, 8 Rebounds, 2 Steals), einen beachtlichen vierten Platz. In Indianapolis bei der Weltmeisterschaft 2002 demonstriert Okulaja mit 14 Punkten, 6 Rebounds und 3 Assists pro Spiel erneut seine Allround-Fähigkeiten und trägt entscheidend zum Gewinn der Bronzemedaille bei. „Wir sind keine 1-Mann-Show“, entgegnet er selbstbewusst den Kritikern, welche die deutsche Mannschaft im Vorfeld als zu abhängig vom Ausnahmespieler Nowitzki charakterisiert hatten.
Zurück in Europa wechselt Okulaja erneut den Verein und geht nun für Unicaja Malaga auf Korbjagd. Mit dem Klub erreicht er das Halbfinale in den spanischen Play-Offs und spielt in der Euroleague.
Dagegen scheitert die deutsche Auswahl bei der Europameisterschaft 2003 in Schweden überraschend in der Vorrunde und verpasst somit auch die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2004 in Athen. Okulaja erzielt 14 Punkte, 8 Rebounds, 2 Steals pro Partie und erklärt den Rückschlag durch die ungewohnte Favoriten-Rolle: „Der Unterschied zu früher war, dass wir nicht mehr die Jäger, sondern die Gejagten waren.“
Für die Saison 2003-2004 kehrt Okulaja zu CB Girona zurück. Zwar sind die persönlichen Statistiken anständig, die Mannschaft verpasst jedoch den Einzug in die Playoffs. Für den Rest der Saison wechselt er deshalb zum italienischen Spitzenteam Benetton Treviso. Bereits im September 2004 zieht es den gebürtigen Nigerianer aber wieder nach Spanien. Sein mittlerweile neunter Klub, Pamesa Valencia um den französischen Spielmacher Antoine Rigaudeau, gehört zu den Top Teams in Europa. Dort warf ihn eine Knie-Verletzung früh zurück, so dass er mehr als die Hälfte der Saison verpasste und auch bei der EM 2005 in Serbien und Montenegro verletzungsbedingt nicht teilnehmen konnte.
Anfang des Jahres 2006 wechselte Ademola nach RheinEnergy Köln um dort in Zusammenarbeit mit deutschen Medizinern seine Rehabilitation fortzusetzen. Mit zunehmender Genesung war es ihm möglich einige Minuten in der BBL und beim FIBA EuroCup zu absolvieren. Das Highlight war sicherlich seine Teilnahme am BBL Allstar Day in Köln, bei dem er frenetisch vom Publikum gefeiert wurde. Okulajas Genesung blieb auch den europäischen Spitzenvereinen nicht verborgen und schnell bekam er ein lukratives Angebot aus der russischen Superleague A, von BC Khimky Moscow. Er nahm das Angebot an, absolvierte 14 Spiele mit einem Punktedurchschnitt von 5,2 und scheiterte nur knapp in den Final Four an CSKA Moskau. Der Trainerstab von Khimky war von Okulajas Leistungen überzeugt und verlängerte den Vertrag um ein weiteres Jahr.
Bei der Weltmeisterschaft in Japan war Ademola Okulaja nach Dirk Nowitzki die wichtigste Option in der Offensive. Zunächst nicht so gut in das Turnier gestartet, steigerte er sich von Spiel zu Spiel. In durchschnittlich 26 Minuten Spielzeit erzielte er 10,4 Punkte und holte 6,5 Rebounds pro Partie. Im Achtelfinale gegen sein Geburtsland Nigeria machte Okulaja sein bestes Spiel und war somit maßgeblich an dem Einzug ins Viertelfinale beteiligt.
Mitte April 2007 wechselte Ademola Okulaja erneut in die spanische Liga zu Etosa Alicante. Trotz eines starken Okulaja blieb das Team in den letzten fünf Spielen aber ohne Sieg und stieg in die zweite Liga ab. Für die Saison 2007/08 kehrt der 32-Jährige nach Deutschland zurück. Der Kapitän der Nationalmannschaft, der diesen Posten gemeinsam mit Patrick Femerling inne hat, unterschrieb beim deutschen Meister Brose Baskets einen Vertrag über zwei Jahre.
Er konnte jedoch nur eine Spielzeit absolvieren, denn im Sommer 2008 wurde bei Ademola Okulaja ein bösartiger Tumor in einem Rückenwirbel entdeckt, der operativ entfernt und anschließend mit einer Chemotherapie behandelt wurde. Seitdem hat Okulaja kein Basketballspiel mehr bestritten. Er stand kurz vor einer Rückkehr in die Nationalmannschaft, musste die Teilnahme am Vorbereitungslehrgang jedoch kurzfristig absagen.
Stand: 11.08.2009